Man sieht die Dominosteine in der Stadt, zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor, und dann die, die in der Regierungsviertel stehen - sie bilden eine lange Kette, heute, um 17.00 werden sie dann gekippt, um zu symbolisieren, wie die Mauer "gefallen" ist. Die Dominosteine kommen aus verschiedenen Länder, mit verschieden Interpretationen des Mauerfalls. Bunt sind sie, und unglaublich viel, man kann sie überhaupt nicht fassen oder aufarbeiten, nur Farbeneindrücke, und Augenblicke bleiben, mit den Sätzen: Make love, not walls! oder Ich bin ein Berliner oder Es gibt nur ein Berlin oder der Zitat, von Vaclav Havel: Hoffnung ist nicht die Gewissheit, dass am Ende alles gut wird, sondern das Bewusstsein dessen, dass egal, was passiert, alles einen Sinn hat. (Und ich frage mich, ob dieser Satz einen minimalen Wahrheitsanteil nach so einem Jahrhundert, wie der 20., haben kann. Sag bloß einem KZ-Überlebenden: egal wie es läuft, es hat einen Sinn...ja, welchen? was für einen? Eben das ist die Tragödie unserer Generation, dass wir diese theologische Begriffe, Gewissheiten, wie Wahrheit, Gut und Böse, Urteil, Sünde, verloren haben. Blätter in der Wind, fröhliches Fallen, schöne Aussicht, weiches Bodenerreichen?)
Was "Sinn haben" bedeutet, weiß ich nicht. Um das zu wissen, braucht man das Ziel zu kennen, nur so kann man die Ereignisse beurteilen. Ob die Geschehenen dazu etwas beigebracht haben, dass das Ziel erreicht wird - oder eben im Gegenteil, verhindert haben, da anzukommen.
Ich kenne kein Ziel, ich bin Unterwegs, suche in diesem Haufen des Lebens Werte, Wege und Leute, mit denen ich ein Stück weiter gehen kann. Tag für Tag halte ich es immer wichtiger, da zu leben, wo man sich zu Hause fühlt, und etwas ganz natürliches machen - so schaffen, das man fast nicht Bewusst ist, dass man etwas geschaffen hat. Einfach natürlich für einander da zu sein, einatmen, die Blätter beobachten, den Vogel am Baum, oder den Mann gegenüber, hinter dem Fenster, auf dem Flurboden zu sitzen und die Internetfrekvenzen am Monitor zu beobachten und über Italien zu sprechen, gemeinsam am Sonntag frühstücken, und fühlen, dass wir dankbar sind, weil wir hier, jetzt, einander haben.
Und eben das ist, was gegen einem Mauerbau wirken kann: die Einheit festzustellen, Tag für Tag in dieser Einheit miteinander sein - und es niemandem zulassen, dass er komme und sage: nicht die Einheit ist Ursprünglich, sondern die Getrenntheit. Wer so etwas sagt, der behauptet Gott zu sein, der die Macht und die Weisheit hat, Licht und Finsternis, Meere und Boden von einander zu trennen.
Wir sind nur Menschen, voll mit Gerissenheiten, Verissenheiten, Zerrissenheiten. Last uns endlich keine Grenzen mehr setzen, lasst uns einfach lieben lernen, die Einheit, die Kontinuität des Lebens zu leben.
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